Licht braucht Schatten
Das Büro wespi de meuron romeo architekten sucht keine Erfindungen, sondern Entdeckungen. Von Caviano im Tessin aus entwickeln sie eine Architektur, die sich in ihren Ort einfügt, als wäre sie schon immer da gewesen. Ein Gespräch über Schatten, natürliche Materialien und ein Amtsgericht in Norddeutschland.
Ein Ziegelstein reguliert Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Holzlatten erinnern an landwirtschaftliche Strukturen. Würden Sie sagen, dass ein Material erst dann richtig eingesetzt ist, wenn man seinen Ursprung noch spürt?
Wir denken, dass ein Material gut eingesetzt ist, wenn es seine Funktionen in allen Hinsichten erfüllt, dann wirkt es richtig und selbstverständlich.
Ihre Räume sind klar und reduziert, aber nie kalt. Was ist für Sie das Gegenteil von Leere?
Wir versuchen gute Atmosphären zu schaffen, wo sich der Mensch wohlfühlen kann. Einfache und klare Konzepte sind aussagekräftiger. Es ist immer eine Herausforderung, sich auf das Wesentliche reduzieren zu können.
Ihre Architektur erzeugt starke Lichtstimmungen. Wie denken Sie Licht, bevor das Gebäude steht?
Damit sich Licht entfalten kann, braucht es auch das Gegenteil, nämlich Dunkelheit und Schatten. Die heutige allgemeine Denkkultur lässt dies aber nicht mehr zu, es muss immer und überall hell sein. Es ist wichtig, diesen Kontrast zuzulassen. Wir projektieren Licht mit unserer Vorstellung, da es für uns sonst wenig verlässliche Hilfsmittel gibt.
Sie sind drei Architekten, die gemeinsam ein Büro führen. Wie beschreiben Sie Ihre Arbeit jemandem, der noch kein Gebäude von Ihnen gesehen hat?
Architektur, zeitlos selbstverständlich, verwoben mit Baukultur und Ort, verwurzelt wie schon immer da gewesen, mehr Entdeckung als Erfindung, aus altvertrauten Stimmungen Neues schaffen. Atmosphäre, Licht und Schatten, das mögen wir. Uns interessiert immer sehr, wie sich Architektur an ihrem Ort integriert. Wir denken, dass ein selbstverständliches Erscheinungsbild und ein gutes Konzept die Lebensdauer eines Gebäudes erhöhen und so nachhaltig sein kann.
Ihr Büro ist in Caviano im Tessin verwurzelt, einer Region mit einer sehr spezifischen Bautradition aus Stein und Kalk. Wie hat dieser Ort Ihre Haltung zu Material geprägt?
Wir schätzen es sehr, in einer Region mit starker Bautradition leben und arbeiten zu können, sicher hat uns dies auch geprägt. Leider verschwinden die lokalen Gegebenheiten immer mehr und es entstehen anonyme und überall gleiche Orte.
Sie greifen Stimmungen aus der Umgebung in Ihren Projekten auf. Das Amtsgericht liegt in einer Seenlandschaft in Norddeutschland, weit entfernt von Ihrem Tessiner Kontext. Wie nähern Sie sich einem Ort, der so anders ist als Ihr Zuhause?
Wir sehen uns mehr als Suchende denn als Erfinder, und deshalb ist es für uns immer wichtig, die Umgebung zu erkunden. Bei vielen Projekten bietet die umliegende Nachbarschaft keine direkten Anhaltspunkte, sodass wir mehr mit Erinnerungen und Anlehnungen arbeiten. Hier sind wir einen Tag lang herumgefahren und haben traditionelle wie auch aktuelle Architektur angeschaut.
Das Amtsgericht hatte keine Decken, keinen Putz, keine Einbauten mehr. Nur Mauern. Wie arbeitet man mit einem Bestand, der sich selbst schon auf das Wesentliche reduziert hat?
Genau diesen Aspekt haben wir aufgenommen und das Projekt daraus entwickelt. Wir sahen den Zustand der freigelegten Mauern als Chance. Ich glaube nicht, dass wir uns getraut hätten, alles wegzuspitzen, da der Zustand der bestehenden Mauern verdeckt und ungewiss gewesen wäre.
Denkmalschutz setzt Grenzen, eröffnet aber auch eine bestimmte Haltung. Wie haben Sie beim Amtsgericht den Dialog zwischen historischer Hülle und zeitgenössischem Innenraum verhandelt?
Der Zustand der Außenhülle war zum Glück sehr gut und musste nicht grundlegend saniert werden, so konnten wir uns auf den Innenausbau konzentrieren. Das Material Backstein verbindet Innen und Außen, obwohl er unterschiedlich behandelt wurde.
Fotos: © Giacomo Albo, Architekt; © Hannes Henz, Architekturfotograf
Sie alle drei wohnen in selbst entworfenen Gebäuden. Was lehrt das tägliche Leben in der eigenen Architektur?
Wir sind in der glücklichen Lage, jeden Tag mit unserer Architektur konfrontiert zu sein und so Erfahrungen zu machen. Wir leben unsere Architektur, und sie ist ein wichtiger Bestandteil unseres Wohlbefindens. Ich glaube, man kann bei einem Entwurf nicht an alles denken und nicht alles perfekt machen, aber wenn man sich intensiv damit auseinandersetzt, gibt es immer wieder positive Überraschungen. Bei mir Zuhause am Esstisch zum Beispiel. Im Winter, wenn die Blätter von den Bäumen gefallen sind, sehe ich vom Esstisch aus durch ein kleines Loch in der Fassade genau nach Locarno. Die Aussicht wird wie ein Bild eingefasst.
Durch die Materialien wirken Ihre Räume warm und lebendig. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Funktionalität und Sinnlichkeit?
Wir versuchen mit echten und oft auch natürlichen Materialien zu arbeiten, welche sich mit der Zeit verändern dürfen und Patina erhalten. Ein Haus ist nicht nur perfekt, wenn es fertiggestellt ist, sondern soll mit der Zeit noch schöner werden dürfen. Auch die Oberflächenbeschaffenheit interessiert uns sehr, da sie das Licht unterschiedlich aufnimmt und reflektiert.
Gibt es einen Ort, an dem Sie noch nicht gebaut haben, aber gerne würden?
Nein, eigentlich nicht. Wir hoffen, dass unsere Bauten ihren Standort bereichern.