„Intuition gibt meiner Arbeit Freiheit.“ Ein Gespräch mit Franziska Lutze

Blaudruck ist ein jahrhundertealtes Handwerk und zugleich überraschend zeitgenössisch. Im Interview spricht Franziska Lutze über intuitive Prozesse, geometrische Klarheit und den Reiz des Unvorhersehbaren.

Blaudruck ist ein Handwerk voller Geschichte. Deine Arbeiten dagegen wirken zeitgenössisch und zeitlos. Wie hat sich deine Ästhetik entwickelt?
Meine Ästhetik hat sich aus einem intuitiven Spiel mit Formen entwickelt. Ich arbeite gerne reduziert und klar, setze geometrische Formen in Beziehung zueinander und experimentiere dabei, es entstehen mal regelmäßige, mal unregelmäßige Muster. Es ist eine Mischung aus Konzentration und Impulsivität, was mir ermöglicht, klassische Techniken des Blaudrucks auf meine Weise zu interpretieren.

Wie läuft so ein kreativer Prozess bei dir von der Idee bis zum fertigen Druck ab?
Ich nutze alles Mögliche: Holzleisten, Gläser, Profile, selbstgebaute Stempel oder auch einfach Pinsel. Der Prozess ist oft intuitiv, dabei konzentriert. Ich nutze Präzision, aber auch Ungenauigkeiten – genau diese Mischung erzeugt die Lebendigkeit, was ich in meiner Arbeit mag. Erst nach der Färbung des ersten, sehr intuitiven Drucks, kann ich klar sehen, was mir gefällt und wiederhole, bzw. nehme Veränderungen vor.
Ich drucke auf weißes Textil, die Druckpaste ist Mintfarben, da braucht man etwas Abstraktionsvermögen, sich den Stoff in gefärbtem Zustand vorzustellen. Es hat sehr viel mit Unerwartetem zu tun, denn ganz genau sieht man erst nach der Färbung, wie das setzen der Formen wirkt. Das macht mir Freude und ist auch mit Aufregung verbunden.

Farbe spielt in deinen Werken eine zentrale Rolle. Besonders Primärfarben tauchen oft auf. Was fasziniert dich an ihnen?
Primärfarben haben für mich eine Klarheit. Jede Farbe steht für sich in ihrer Stärke, gleichzeitig gibt es sie in diversen klassischen Stilen, was mir gefällt. Zweitens entsprechen Primärfarben den einfachen geometrischen Formen, die ich verwende, das sind Aspekte/Elemente meines Stils. Trotzdem bleibe ich offen mit der ein oder anderen Farbe zu experimentieren. Da fühle ich mich frei.

Arbeitest du eher nach festen Konzepten oder lässt du deine Werke spontan entstehen?
Intuition spielt eine sehr große Rolle. Bei Aufträgen arbeite ich gezielter, doch die ersten Versuche, also der Zugang zum Ergebnis, entstehen meist intuitiv. Ich schätze den intuitiven Anteil in meiner Arbeit hoch ein – sie gibt mir im Prozess die für meine Arbeitsweise geschätzte Lebendigkeit und Freiheit.

Wie beeinflusst die Blaudruckerei Einbeck deine Gestaltung und Materialwahl und welche Impulse nimmst du von dort mit?
Eben diese Blaudruckerei ist für mich persönlich wichtig, da sie in meinem Geburtsort liegt und ich seit Kindheit damit vertraut bin. Sie inspiriert mich durch die Arbeit mit altem Leinen, das zum Teil über hundert Jahre alt ist. Sie zeigt mir den Wert von Materialien und den Wert eines alten Handwerks.

Gibt es ein Werk, das für dich einen Wendepunkt markiert?
Ein Wendepunkt war eine Zusammenarbeit mit einer Textilkünstlerin. Laura Lopez und ich hatten kurz vor Corona ein gemeinsames Architekturprojekt, wo wir uns entschieden haben mit Masken zu arbeiten. Obwohl das Projekt nicht realisiert wurde, habe ich begonnen, geometrische Formen zu „Gesichtern“ zusammenzustellen. Diese Arbeiten, darunter auch der große ausgefüllte Kreis, sind zu einem Wiedererkennungsmerkmal meiner Arbeit geworden.

Wie kam es, dass deine Blaudrucke ihren Weg ins Bauhaus Dessau fanden und was passiert, wenn deine intuitive Arbeitsweise auf die konzeptionelle Strenge des Bauhauses trifft?
Der Museumsshop des Bauhaus Dessau und des Barberini in Potsdam ist Anfang 2025 auf mich zugekommen. Meine Arbeiten, darunter Wandbehänge, Arbeitsjacken, Taschen und Bandanas, dort zu präsentiert. Durch die geometrischen Formen und den klaren Farben finden meine Arbeiten sich ganz gut in der Strenge des Bauhauses zurecht, dabei denk ich persönlich auch weniger an stilistische Strenge, als viel mehr an dass Handwerkliche. Das Bauhaus strahlt für mich eine klare Linie, Wiedererkennungswert und eine Stätigkeit einer gewissenhaften Klarheit aus.

Zwischen Wiederholung und Variation entsteht in deinen Arbeiten eine eigene Spannung. Suchst du eher den Moment der Ruhe oder den Moment, in dem etwas kippt?
Beides ist wichtig. Die Ruhe zeigt sich in großen Formen, zum Beispiel einem Kreis auf einem Textil, der dennoch aus der Nähe, jeder für sich seine Eigenheit und Individualität zeigt (kein druck, auch wenn es scheint, ist wie der andere). Während des Druckens entstehen kleine Überraschungen – Farbe läuft in den Bruch der Druckpaste, ein Strich liegt schräg – und gerade diese „Kippmomente“, dieses Unvorhersehbare, diese „Fehler“ macht die Blaudruckarbeit so spannend und die Ergebnisse in meinen Augen so speziell. 

Gibt es ein Gebäude oder einen besonderen Raum, in dem du deine Drucke gern einmal ausstellen würdest – und warum gerade dort?
Ich mag Räume mit viel Licht oder schrägen Proportionen, in denen man Textilien auch als Raum inszenieren kann. Mir fällt die Aarhus School of Architecture ein, die mit Holz, Beton und großen Fenstern oder das Foyer des Bauhaus Museums Weimar – Räume, die Klarheit und Weite vermitteln und darin trotzdem Spannung erzeugen. 

Gibt es bestimmte Architektur, die dich inspiriert – sei es durch Licht, Materialität oder Atmosphäre? Übersetzt du manchmal Räume in deinen Drucken?
Architektur inspiriert mich sehr: Treppen, Diagonalen, Fensteranordnungen, Emporen, Säulen, Beton, Holz, Lehm. Ich übertrage oft das Gefühl von Klarheit, Rhythmus und Proportion in meine Drucke, vielleicht vergleichbar mit der Anordnung von Fliesen oder eines Geländers oder einem Tor, Vorsprünge und Hinterschneidungen. Es passiert schon, das ich Linien zueinander setze, die abstrakt einen Raum darstellen.

Wo erlaubst du dir im Prozess des Druckens bewusst Fehler” und was passiert dabei?
Bei manchen Drucken, zum Beispiel bei frei gedruckten Stühlen oder die Wiederholung von Dreiecken. Dabei achte ich bewusst nicht auf Präzision und lasse mich frei darin, um eben neue Perspektiven zu schaffen. Da spiegelt sich vielleicht ein Teil meiner Persönlichkeit wieder. Und bei der Umsetzung werde ich teilweise in einen meditativen Zustand versetzt, ohne zu Denken.

Kannst du dich an einen Moment erinnern, in dem ein „Fehldruck zu einem deiner Lieblingswerke wurde?
Manchmal entstehen besondere Werke, wenn man sie ein zweites Mal färbt: Ich habe einmal ein Werk blau gefärbt und dann erneut gedruckt und dann grau gefärbt – daraus entstand eine ganz neue Linie. Da würde ich weniger von Fehldruck sprechen. Ein Fehldruck, bzw. Fehler in zum Beispiel der mehr oder weniger exakten Anordnung von Stichen könnte ein „Fehldruck“ sein, wenn mir aus versehen der Strich beim Drucken verrutscht, jedoch erzeugt dieser wiederum eine ganz eigene Spannung.

Wenn deine Kunst eine Musikrichtung hätte – welche wäre das, und warum passt sie zu deinen Formen und Farben?
Es ist schwer, meine Arbeiten auf eine Musikrichtung festzulegen. Ambient, aber auch lautes, percussives passen für mich, je nach Moment. 

Manchmal entwickelt sich ein Werk weiter, auch wenn es scheinbar fertig ist. Gibt es Momente, in denen du bewusst noch einmal alles überdenkst oder neu gestaltest – und warum?
Ja, ich breche manchmal aus gewohnten Formen aus, um Freiraum für Neues zu schaffen. So halte ich meine Arbeit für mich offen, um dabei mit Freude zu experimentieren. So probiere ich mich immer wieder in dem mehrmals Färben.

Wenn du einen Neuanfang mit deiner Kunst machen könntest – was würdest du als Erstes wieder erschaffen, und welche Ideen würdest du heute anders angehen?
Ich würde auf jeden Fall die Masken wieder erschaffen, ebenso die Zusammenstellung von Kreisen und Strichen. Beide Kompositionen lassen genug Spielraum für mich. Dinge, die ich nicht genau wiederholen würde, kann ich zumindest teilweise in Form, Größe oder Anordnung variieren und so Neues entstehen lassen.

Wenn du ein einzigartiges Werk weitergeben könntest – wem würdest du es schenken und warum?
Kurz vor dem Tod von Ricardo Bofill hatte ich den Impuls, ihm ein rotes Werk mit einem von Hand gezeichneten Ring zu schicken, da seine Lieblingsfarbe Rot war. Diese Erfahrung lässt mich hoffentlich bei zukünftigen Impulsen bestimmter und zielstrebiger damit umgehen. Einfach machen – das ist mir ein ganz wichtiger Impuls, den ich oft und gerne beim Drucken verfolge. 

Franziska Lutze →

 
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