„Der Wunsch nach Zeitlosigkeit ist eine Illusion“ Ein Gespräch mit Tobias Grau

Tobias und Franziska Grau sprechen über das Entwerfen von Licht, über die Zusammenarbeit in einem Familienunternehmen und darüber, was eine gestalterische Haltung überdauert. Ein Gespräch über Form, Material und die Frage, was bleibt.

Tobias Grau, Sie haben sich ursprünglich auf Innenarchitektur fokussiert und Leuchten zunächst für Ihre eigenen Projekte entworfen. Aus diesem Interesse wurde ein Lebenswerk. Wie hat sich Ihr Blick auf Licht verändert, seitdem Sie es entwerfen?
Mein Blick auf Licht hat sich eigentlich gar nicht verändert. Was sich verändert, sind die Möglichkeiten, die man zu jeder Zeit zur Verfügung hat. Und diese sind insbesondere heute anders als früher. Zu den Einrichtungen, die ich entworfen habe, habe ich immer auch das Licht und die Leuchten mit gedacht und mit entworfen. Auf dieser Arbeit und diesem Denken haben sich die Leuchten entwickelt, die zur Basis des Unternehmens wurden.

Franziska Grau, was hat Sie 1988 dazu bewogen, gemeinsam ein Unternehmen aufzubauen, das es so noch nicht gab?
Das Unternehmen wurde zunächst von Tobias gegründet. Die erste Leuchtenkollektion wurde 1987 vorgestellt. Ich lernte zu der Zeit meinen Mann kennen und studierte aber zunächst noch Betriebswirtschaft. Nach Beendigung meines Studiums fragte Tobias mich, ob ich ihn beim Aufbau seines Unternehmens unterstützen könnte. Das habe ich dann mehr als 30 Jahre gemacht. Wir haben unsere Schwerpunkte aufgeteilt, aber immer an einem Strang gezogen. Ich war und bin der größte Fan des Designs von Tobias. Das war sicher meine Motivation. Wir haben unsere vier Kinder durch die harmonische Zusammenarbeit geprägt. Heute unterstützen wir genauso die Arbeiten unserer erwachsenen Kinder und sind Fans ihrer Arbeiten und Entwürfe. Das ist eine große Freude!

Licht verändert einen Raum stärker als fast jedes andere gestalterische Mittel, und trotzdem wird es beim Einrichten oft zuletzt gedacht. Warum ist das so?
Neben der Dreidimensionalität und Körperlichkeit von Gegenständen und Räumen ist das Licht eine weitere, eher unsichtbare, Dimension. Diese gleich mitzudenken ist sinnvoll, aber nicht leicht. Es braucht dazu eine nicht unerhebliche Vorstellungskraft und Fantasie. Für mich ist sie aber elementar und ein großer Reiz, dieses in spielerischer Form zu tun.

Es gibt Räume, die man betritt und sofort spürt, dass das Licht stimmt, ohne zu wissen warum. Was passiert da genau?
Ein bisschen ist es so wie mit der Schönheit von Formen. Man muss sie spüren, man muss aber nicht wissen, warum eine Form ausgewogen und schön ist. Ein Raum ist nicht nur hell oder dunkel, sondern ist immer unterschiedlich hell und dunkel. Flächen sind angeleuchtet oder im Schatten, Lichtquellen sind sichtbar oder unsichtbar. Es ist eine Vielfalt dessen, was die Wirkung eines Raumes bestimmt. Die Leuchte, die Lichtquelle selbst, ist dabei sehr wichtig, aber genauso wichtig ist das, was sie beleuchtet, anleuchtet und wie sie selbst leuchtet. Räume die all dieses, diese Vielfalt, in sich gut ausbalanciert haben, wirken stark. Das kann von erfrischend klar bis beruhigend gemütlich sein. Letzteres erreicht man in der Regel besser mit einer Mehrzahl von verschiedenen Lichtquellen und Leuchten.

Gibt es in deinem Entwurfsprozess einen Moment, in dem ein Projekt seine Richtung festlegt?
Das ist eine komplexe Problematik, die sich aber wunderbarer Weise, was Privaträume betrifft, etwas entschärft und auflöst da diese zeitlich nach gelagert, tagsüber mit natürlichem Licht und abends mit Kunstlicht beleuchtet sind. Bei Büroräumen ist dieses anders. Hier wird das Kunstlicht auch tagsüber sehr häufig verwendet und dafür muss es bestes Licht und arbeitsplatztauglich optimal entblendet sein. 

Handwerk spielt in Ihrer Produktion eine zentrale Rolle. Was macht ein handgefertigtes Objekt mit dem Raum, in dem es steht?
Für mich ist es nicht unbedingt die Handwerklichkeit, die ein Produkt auszeichnet, sondern der materialgerechte Umgang, die gepflegte Ausführung und die sinnlich optimierte Form, die es begehrlich und schön macht.

Wann ist ein Entwurf für Sie fertig? Woran merken Sie, dass nichts mehr weggelassen werden kann?
Entwerfen erfolgt bei mir in mehreren Phasen. Verkürzt gesprochen, es gibt einen langen Faden, es gibt eine Skizzenphase und es gibt die Phase der Ausarbeitung und der Optimierung. Manchmal geht es schneller, aber manchmal muss man gerade die Phase einer langen Optimierung zulassen.

Haben Sie ein Haus oder einen Raum erlebt, der Sie in Ihrer Arbeit nachhaltig beeinflusst hat?
Es sind viele Häuser und Räume, die mich beeinflusst haben aber wenn ich eins heraus stehen soll, dann ist es mit Abstand der Barcelona Pavillon von Mies van der Rohe.

Sie haben unter anderem den Astraturm in Hamburg geplant und somit beleuchtet. Was verändert sich, wenn Licht nicht für einen privaten Raum, sondern für einen öffentlichen entworfen wird?
Der Grundriss des Astra Turms war so klein, dass ich die Gangzone nicht über explizite Wände getrennt sondern allein über entsprechende Möbel und Leuchten betont habe. Zusammen mit einer arbeitsplatzbezogenen Beleuchtung über sensorgesteuerte Stehleuchten ergab sich eine großzügige und für jedes Tageszeit und Sonnenstand optimale Licht- und Raumwirkung.

Das Unternehmen heißt seit 2023 nicht mehr Tobias Grau, sondern Grau. Ihre Söhne übernehmen heute die Leitung. Lässt sich eine gestalterische Haltung weitergeben, oder muss jede Generation sie neu erarbeiten?
Jede neue Generation setzt neue Schwerpunkte und entwickelt weiter. Unsere Söhne tun dieses auch und verknüpfen es mit Momenten, die in der Firma von Franziska und mir angelegt wurden. Optimale Lichtqualität, in schönster Formgebung und Qualität bilden auch jetzt und in Zukunft die Eckpunkte. Wir zeigen es, insbesondere in unserem neuen Geschäft in Berlin am Savignyplatz.


Wie wohnen Sie selbst? Und wie nah ist das an dem, was Sie entwerfen?
Beim Entwerfen unterscheide ich in „evolutionär“ und „revolutionär“. Also in ein Denken und Entwerfen mit oder ohne Bezüge zur bestehenden Formgebung und Kultur. Das Betrifft Produkte genauso wie Einrichtungen. Auch eine Mischung geht. Und in einer so gemischt aufgebauten Einrichtung und Auswahl von Produkten leben wir privat.

Design altert unterschiedlich. Manche Objekte wirken nach zwanzig Jahren überholt, andere zeitloser als am ersten Tag. Woran liegt das?
Das zu sagen ist schwierig. Auch wenn es Kriterien gibt die ein Produkt zunächst auszeichnen. Zum Beispiel die Kraft der Form an sich, die Innovationshöhe, die Funktionstüchtigkeit und so weiter. Aber zum Zeitpunkt der Entstehung schon zu sagen, wie gut ein Produkt altern wird und wie lange es halten wird, ist kaum möglich. Und der so genannte Wunsch nach Zeitlosigkeit eines Produktes ist eine Illusion. Jedes Produkt hat einen zeitlichen Bezug. Aber natürlich einige mehr und einige weniger.

Gibt es eine Frage, die Sie sich selbst stellen, bevor ein Entwurf fertig ist?
Mein Ansatz ist tatsächlich der, ein Produkt soweit zu entwickeln bis es fertig ist. Dies zu sagen kann man nur als Designer selbst und ist sehr subjektiv. Danach kann man nur noch hoffen, dass das Produkt so wie es dann geworden ist Relevanz hat. Solch ein Denken schließt spätere technische Optimierungen, Größen- und Farbvarianten insgesamt natürlich nicht aus.

Sie haben das Unternehmen gemeinsam gegründet und über Jahrzehnte geführt. Wie gelingen gestalterische Entscheidungen täglich mit jemandem, mit dem man auch ein Leben teilt?
Mit Diskurs und Harmonie, eingebettet in ein intensives Familienleben.

 
Weiter
Weiter

„Der Bestand ist keine Einschränkung, sondern ein Angebot.“ Ein Gespräch mit Thomas Kröger