„Der Bestand ist keine Einschränkung, sondern ein Angebot.“ Ein Gespräch mit Thomas Kröger
Thomas Kröger spricht über die Qualitäten bestehender Strukturen und über neue Architektur, die ihre Form aus dem Kontext heraus entwickelt. Seine Projekte realisiert er mit Blick auf unterschiedliche räumliche und kulturelle Zusammenhänge, von ländlich geprägten Regionen wie der Uckermark und dem Schwarzwald bis hin zu urbanen Räumen etwa in Berlin, Köln und Porto.
Zu Beginn: Thomas, wir würden uns freuen, wenn du dich kurz vorstellen würdest. Wer bist du und was ist der Kern deiner Arbeit als Architekt?
Mein Team und ich beschäftigen uns mit unterschiedlichen Maßstäben in der Architektur: dem ganzheitlich durchdachten Privathaus, dem städtischen Büro- und Geschäftshaus, dem Schulbau und dem Museumsbau – kurz: dem klassischen Architekturspektrum.
Was interessiert dich an Architektur heute am meisten? Welche Frage begleitet deine Arbeit derzeit?
Ich habe mit dem Umbau von Häusern begonnen und dabei sehr viel Erfahrung gesammelt – sowohl in praktischer Hinsicht als auch im Erkennen der Qualitäten des Bestandes. Diese Erfahrung hilft uns heute im Umgang mit der neuen Relevanz von vorhandener Substanz. Das betrifft das einzelne Gebäude ebenso wie die stadträumliche Reparatur. Neu zu bauen impliziert immer auch einen morphologischen Prozess im Kontext des gebauten Umfelds.
Welche Entdeckungen hat dir die Architektur ermöglicht? Und gibt es nach vielen Jahren des Entwerfens und Bauens noch Dinge, die dich überraschen?
Zum Glück ist jedes neue Projekt immer wieder eine Entdeckung! Ob man im Schwarzwald, in Köln oder in Porto baut – unterschiedliche Kontexte, soziale Aspekte und Kulturen bereichern die Projekte und machen sie vielschichtig. Reisen in andere Kulturräume gehört zu meinen Leidenschaften, und ein Projekt ist tatsächlich auch mit einer Reise zu vergleichen.
Deine Architektur verzichtet oft auf starke formale Gesten. Ist diese Zurückhaltung für dich eine ästhetische Entscheidung oder eine Haltung gegenüber dem Ort?
Bei der Setzung von Architektur geht es um Balance und Selbstverständnis – sowohl im landschaftlichen, städtischen als auch im gesellschaftlichen Kontext. Die architektonische Sprache sollte sich aus einer Notwendigkeit heraus ergeben, die in diesen Kontexten begründet liegt. Natürlich kann es reizvoll sein, diese Balance mit einer starken formalen Geste bewusst ins Wanken zu bringen. Hier liegt die Verantwortung des Architekten, abzuwägen, welche Geste angemessen ist.
Gibt es in deinem Entwurfsprozess einen Moment, in dem ein Projekt seine Richtung festlegt?
Ja, meist zu einem frühen Zeitpunkt der Entwurfsfindung. Die ‚Idee' ist da, und wir arbeiten an Ihrer Form.
Viele deiner Gebäude wirken selbstverständlich im Kontext verankert. Gab es Projekte, bei denen du bewusst gegen die Umgebung entwerfen wolltest?
Ich würde es so beschreiben: Meistens drehen sich die Gebäude mit der Landschaft. Es gibt aber auch Häuser, um die sich die Landschaft dreht. Eines davon ist ein kleines Haus in der Uckermark, das wir „Pavillon“ genannt haben. Es liegt auf einem besonders schönen Seegrundstück mit einer alten Kirschplantage. Alles dort war zugleich märchenhaft und ungeordnet, sodass wir mit der Setzung des Hauses und der Wahl seiner Formensprache nicht nur das Grundstück, sondern auch die Präsenz am See neu bestimmt haben – hoffentlich im Sinne dieses Märchenhaften...
In mehreren Projekten arbeitest du mit bestehenden Gebäuden, deren typologische Klarheit erhalten bleibt, während das Innere neu gedacht wird. Woran erkennst du, was bewahrt werden sollte und was sich verändern darf?
Die meisten Häuser bringen ein spezifisches räumliches Angebot mit. Im ländlichen Kontext kommt der Bezug zum Außenraum hinzu. Die Kunst besteht darin, den Bestand für neue Bedürfnisse so zu transformieren, dass seine Qualitäten und räumlichen Angebote erhalten bleiben – oder sogar gestärkt werden – und ein neuer, prägnanter Charakter entsteht. Im städtischen Kontext gilt dasselbe Prinzip in einem anderen Maßstab.
Was macht für dich einen guten Wohnraum aus?
Ein guter Wohnraum lässt mich ruhig und schwer werden. Er lässt mich sein.
Gibt es ein Objekt oder Material, das dich im Moment gestalterisch inspiriert?
Wir sind gefordert, unseren Bauprozess so umweltverträglich wie möglich zu gestalten. Einfaches Bauen und Nachhaltigkeit haben in diesem Sinne auch mit Langlebigkeit und Angemessenheit zu tun. Wenn wir das in Einklang bringen, haben wir viel gewonnen. In diesem Zusammenhang wird das Bauen im Bestand noch interessanter, da es jeweils unterschiedliche Materialien „frei Haus“ mitbringt, mit denen gearbeitet werden kann.
Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen: Welche Qualitäten unserer heutigen Zeit könnten in deinen Gebäuden noch im Jahr 2200 ablesbar sein?
Ich würde mir wünschen, dass die Naturbezogenheit meiner Häuser auch in Zukunft in der Schönheit der Landschaft erkennbar bleibt. Ob das gelingt, hängt vom Verantwortungsbewusstsein unserer Gesellschaft – und von uns selbst – ab.