Einmal und richtig – Bei Erik Spiekermann und Susanna Dulkinys

 

Das Townhouse an der Niederwallstraße in Berlin-Mitte gehört zu den wenigen privaten Häusern, die man getrost als Berliner Ikone bezeichnen darf. Der Typograf und Kommunikationsdesigner Erik Spiekermann und Designer Susanna Dulkinys haben es vor zwanzig Jahren zusammen mit Christa Fischer gebaut, zu einer Zeit, als Wärmepumpen im privaten Hausbau noch eine Kuriosität waren. Wir haben sie gefragt, wie man mit einer klaren Vision richtig liegt.

Die Niederwallstraße liegt mitten im historischen Zentrum Berlins. Was hat euch bewogen, ausgerechnet hier zu bauen?

Susanna: Eine Gelegenheit! Das Grundstück war das letzte im Rahmen der Neuentwicklung des Friedrichswerder-Quartiers. Wir lebten damals in West-Berlin und fanden den Gedanken aufregend, hier etwas von Grund auf neu zu bauen.

Erik: Ich saß in der Flughafen-Lounge auf dem Weg nach San Francisco, da klingelt das Telefon. Eine Freundin, die früher bei mir bei MetaDesign gearbeitet hatte und schräg gegenüber wohnte, sagte: „Da ist ein Grundstück frei geworden. Das müsst ihr kaufen!“ Ich habe sofort Rainer Köble angerufen, noch am Flughafen. Der hat eine Viertelstunde später zurückgerufen und gesagt: „Mach das!“

Eine lange Planungsphase geht einem Bau meist voraus. Was war euch in dieser Phase am wichtigsten, und was hat sich erst während des Bauens gezeigt?

Susanna: Die Planungsphase ist aufregend, weil die Vorstellung der idealen Wohnsituation noch offen ist. Sobald der Bau beginnt, zeigt sich, dass Bauvorschriften und Materialverfügbarkeit den Rahmen setzen. Diese unvorhergesehenen Grenzen treiben die Vision voran. Flexibilität hilft.

Erik: Flexibel, ja, aber auch gut vorbereitet. Ich habe alles im Fünftel und Zwanzigstel zeichnen lassen. Wenn man das nicht macht, kommt jeder mit einem anderen Maß an: der Klempner misst anders als der Elektriker, und dann hängt hinterher alles schief. Und man muss den Behörden einen Schritt voraus sein. Ein Wohnraum muss in Berlin mindestens zwei Meter dreißig hoch sein. Also haben wir zwei Geschosse à zwei Meter achtundzwanzig eingebaut, die als Nicht-Vollgeschosse zählen. So kommen wir auf sieben Etagen innerhalb der erlaubten Gesamthöhe. Beim Bauamt hat das für einige Verwirrung gesorgt.

 
 

Von außen wirkt das Haus klar und zurückhaltend. Wie hat euer Blick als Designer diese Formensprache geprägt?

Erik: Das Rastermaß kommt von mir und ist fünfundvierzig Zentimeter. Der Tisch ist neunzig breit und zweihundertsiebzig lang, also Vielfache von fünfundvierzig. Alle Lichtschalter und Heizkörper sind auf der gleichen Höhe. Wenn wir englische oder amerikanische Besucher haben, sagen die immer: „They're all the same height.“ Ich sage: „Ja, natürlich. Warum denn nicht?“ Im Raster bauen spart wahnsinnig viel Zeit und teilt sich auch mit, wenn man nur sechseinhalb Meter Breite hat. Wenn man dann anfängt, Nischen und Sonderlösungen zu machen, sieht alles nur verkrustet und voll aus.

Susanna: Die Formensprache hat besonders das Glas und der Stahl definiert, obwohl die Proportionen den Rhythmus der Fassade bestimmt haben.

 

Eine Wärmepumpe war damals noch sehr komisch.

 

Nachhaltigkeit war euch sehr früh ein Anliegen, zu einer Zeit, als das im privaten Hausbau noch ungewöhnlich war. Was hat euch damals den Mut gegeben?

Susanna: Verantwortung. Und Eriks Weitblick, von russischem Gas wegzukommen.

Erik: Das war von Anfang an klar. Niedrigenergie war selbstverständlich, auch wenn das vor zwanzig Jahren noch ungewöhnlich war. Am Ende war es auch getrieben von der Lage: Das Haus bekommt wenig Sonne ab, nur morgens ein bisschen und abends oben. Da war klar, dass wir so effizient wie möglich bauen müssen. Wir haben eine Wärmepumpe eingebaut, was damals noch sehr komisch war.

Ein Haus hat viele Räume mit unterschiedlichen Funktionen. Gab es einen Raum, der besondere Aufmerksamkeit bekommen hat?

Erik: Eigentlich nicht. Vielleicht der Raum mit den Regalen. Wenn Sachen auf dem Boden stehen, sind sie immer im Weg. Deswegen hängen alle Regale im Haus in der Wand. Eine Firma ist extra aus Pforzheim angekommen, um das große Regal zu montieren. Abends um sieben, als die fertig waren, hat der Chef nachgemessen und festgestellt, dass ein Regal einen Zentimeter aus dem Lot war. Die haben das ganze Ding noch mal abgebaut und neu gebaut. Ich habe Spaghetti gekocht und Rotwein rangekarrt. Bis Mitternacht waren sie fertig und dann sind sie die Nacht durch nach Pforzheim zurückgefahren. Solche Leute gibt es.

Susanna: Bei mir waren es die Terrassen. Ich habe über die Jahre mit Dutzenden von Pflanzensorten experimentiert und habe den Garten inzwischen gut im Griff.

Ihr seid beide Designer, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Was bedeutet es, wenn zwei Menschen mit demselben professionellen Blick gemeinsam an einem Haus arbeiten?

Susanna: Es ist ganz einfach. Wir haben einen ähnlichen Geschmack, und bei Farben, Materialien und Inneneinrichtung überlässt Erik mir das letzte Wort.

Erik: Wir bauen nicht zum Angeben, sondern für uns. Das macht vieles einfacher.

Ihr lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Berlin, einer Stadt im ständigen Wandel. Was bedeutet es, in einer solchen Stadt das eigene Zuhause zu bauen?

Susanna: Es war eine unglaublich spannende Zeit. Ich pendelte damals regelmäßig zwischen Berlin und San Francisco. Wir haben das Haus während einer Phase des technologischen Aufschwungs gebaut. Gleichzeitig befand sich die Stadt in einer Zeit umfassender städtebaulicher Erneuerung. Rückblickend haben sich alle Entscheidungen, die wir beim Hausbau getroffen haben, als solide und zeitlos erwiesen. In einer sich schnell verändernden Welt hat der Wandel da draußen wenig Einfluss auf unser Zuhause.

Erik, wie viel Geduld braucht man in Berlin, um etwas durchzusetzen?

Erik: Berlin ist eben Berlin. Man macht manchmal Dinge, die vielleicht nicht ganz nach Vorschrift sind, aber gut. Ich habe 1983 einen Fahrradständer in der Motzstrasse vorm damaligen Büro von MetaDesign gebaut, ohne Genehmigung, einfach zwischen zwei Bäumen in die Straße geschraubt. Steht bis heute noch da, alle sind happy, man kann sechs Fahrräder anschließen. Fünfundzwanzig Jahre später habe ich hundertvierzig Euro Strafe bezahlt. Damit ist er jetzt legal. Ich hätte eigentlich einen Orden verdient, finde ich.

Gibt es einen Moment im Haus, eine Ecke, ein bestimmtes Licht, einen Klang, der ganz zufällig entstanden ist und den ihr heute am meisten liebt?

Susanna: Berlins rosafarbene Sonnenuntergänge spiegeln sich in den Nachbargebäuden, und man kann sie überall im Haus sehen.

Gab es während des Baus unvorhergesehene Schwierigkeiten?

Erik: Sonst ist eigentlich alles genau so gekommen, wie geplant. Bis auf so ein paar Unfälle: Ein Arbeiter hat mir freudestrahlend gezeigt, dass er alle Leerrohre im Haus vollgegossen hatte. Er wollte mir einen Gefallen tun. Das hat uns sehr viel Nacharbeit gemacht. Wenn man es heute so erzählt, ist es eigentlich witzig. War es natürlich nicht.

Photo Credits: Robbie Lawrence, Hannes Francke

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